Impfen für Afrika!
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DIE ORGANISATION
TIERÄRZTE OHNE GRENZEN E.V.

Tierärzte ohne Grenzen
Wenn Tiere Leben bedeuten

Weltweit leben viele Menschen von der Tierhaltung, allein in Ostafrika sind es 24 Millionen. Ackerbau ist dort in vielen Regionen aufgrund der klimatischen Bedingungen nur in sehr begrenztem Umfang möglich, sodass Nutztiere wie Rinder, Ziegen, Schafe, Kamele und Hühner den Menschen geben, was sie zum Leben brauchen. Häufig bilden Milch, Eier und Fleisch bis zu 60% ihrer täglichen Nahrung. Darüber hinaus dienen Tiere als Arbeitskraft und haben eine hohe kulturelle Bedeutung. Erkranken die Tiere, sind Lebensgrundlage und Gesundheit der Menschen in Gefahr. Dennoch gibt es in vielen Ländern Ostafrikas keine tierärztliche Grundversorgung.

Hier setzen die Projekte von Tierärzte ohne Grenzen an. Die Organisation bildet Einheimische zu Tiergesundheitshelfern aus. So wird eine tiermedizinische Grundversorgung durch Impfungen und Behandlung der häufigsten Krankheiten gewährleistet. Zudem engagiert sich der Verein im Rahmen einer ganzheitlichen Entwicklungszusammenarbeit in den Bereichen Ernährungssicherung, Bildung, Friedenssicherung und Forschung. Auch Dürreprävention sowie Infrastruktur und Wiederaufbau sind in einigen Gebieten wichtige Projektinhalte. Derzeit führt Tierärzte ohne Grenzen e.V. knapp 20 Projekte im Sudan, in Kenia und Somalia durch.

Weitere Informationen finden Sie auf www.togev.org.

In den ländlichen Gebieten Ostafrikas, in denen Tierärzte ohne Grenzen sich engagiert, ist das Leben der Menschen sehr eng mit dem ihrer Tiere verbunden. Nutztiere, vor allem Rinder, haben einen hohen kulturellen Stellenwert. Die Tiere liefern Nahrungsmittel und Rohstoffe für die Herstellung von Decken, Kleidung und Nutzgegenständen. Rinder und Hühner laufen zwischen den Hütten herum, Kinder spielen mit Hunden, Schafen und Ziegen, sie helfen von klein auf bei der Versorgung des Viehs. Oft trinken die Kinder die Milch der Ziegen direkt aus dem Euter. Zoonosen, also Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragbar sind, haben unter diesen Bedingungen leichtes Spiel: Erkranken die Tiere, wird die Infektion häufig auch auf die Menschen übertragen. Tuberkulose, Brucellose, Tollwut und Bandwürmer sind weit verbreitet. Auch durch Hunde übertragene Tollwut stellt eine große Gefahr dar.

Vorbeugung ist deshalb extrem wichtig. Zwar besitzen die Menschen ein umfangreiches Erfahrungswissen zur Behandlung kranker Tiere, das über viele Generationen weitergegeben wurde. Allerdings fehlen moderne Medikamente und Impfstoffe, die bereits dem Ausbruch vieler Krankheiten vorbeugen könnten. Daher sind die Menschen aufgeschlossen gegenüber der Arbeit von Tierärzte ohne Grenzen e.V., denn der Verein kann ihr Wissen in Bezug auf Tierkrankheiten ergänzen und ihnen die nötigen Arzneimitteln zur Verfügung stellen.

Die Erhaltung der Tiergesundheit hängt in vielen Gebieten Ostafrikas unmittelbar mit der Nahrungsmittelversorgung der Menschen zusammen. Im Jahr 2008 war Ernährungssicherung das Hauptziel in mehr als 50% der Projekte von Tierärzte ohne Grenzen e.V. Wie die Projekte des Vereins konkret die Ernährung sichern, variiert stark, je nachdem, worin die genauen Ursachen der Nahrungsknappheit liegen. Die Projekte von Tierärzte ohne Grenzen e.V. sind für jede Region maßgeschneidert und orientieren sich an den regionalen Gegebenheiten (Infrastruktur, Klima, soziale Bedingungen etc.) sowie den Bedürfnissen der dort lebenden Menschen.

In Nordkenia beispielsweise bedrohen wiederkehrende Dürren Ernährung und Existenz der Bevölkerung; Wassermangel und verdorrte Weideflächen führen zu hohen Verlusten innerhalb der Tierpopulation. Hier ist es wichtig, durch Vorsorgemaßnahmen und Frühwarnsysteme die Auswirkungen von Dürren einzuschränken.

Im Sudan leiden nach dem jahrzehntelangen Bürgerkrieg viele Menschen Hunger, da die Landwirtschaft, u.a. die Viehzucht, durch den Krieg beeinträchtigt wurde. Außerdem gibt es viele Kriegsrückkehrer, die in ihre Dörfer zurückkommen, ohne dort eine eigene Ernährungsgrundlage zu haben. Durch den Kauf von Milch- und Fleischprodukten aus lokaler Herstellung und die Abgabe dieser Produkte an Kriegsrückkehrer, unterernährte Kinder und ihre Familien trägt Tierärzte ohne Grenzen zur Ernährungssicherung bei.

Oft bedeutet Ernährungssicherung aber auch, den Menschen neben der Tierhaltung weitere Möglichkeiten zu eröffnen, ihre Lebensgrundlage zu sichern. Denn wenn die Existenzgrundlage der Menschen sich auf mehrere Säulen verteilt, können ihnen ökologische und ökonomische Krisen weniger anhaben. Daher sind beispielsweise die Förderung von Vermarktungsstrukturen und der lokalen Wirtschaft wichtige Bestandteile der Arbeit von Tierärzte ohne Grenzen.

Tierärzte ohne Grenzen bildet zur veterinärmedizinischen Betreuung des Viehbestandes Tiergesundheitshelfer aus, die direkt aus den Dörfern stammen. Für die Auswahl geeigneter Kandidaten und Kandidatinnen sind die Dorfgemeinschaften verantwortlich. Es gibt klare Auswahlkriterien: Die Leute sollen ehrlich sein, von der Dorfgemeinschaft respektiert werden und gewillt sein, mit dem Vieh zu wandern. Das Geschlecht der Bewerber spielt dabei keine Rolle. Viele der ausgebildeten Tiergesundheitshelfer sind Frauen.

Die Ausbildung zum Tiergesundheitshelfer dauert vierzehn Tage. Nach sechs Monaten erhalten sie einen Auffrischungskurs von drei bis fünf Tagen. Wichtigster Bestandteil der Ausbildung ist „training on the job“ und das überlieferte Erfahrungswissen. Weil viele der angehenden Tiergesundheitshelfer Analphabeten sind, werden Bilder benutzt, um Krankheitssymptome und Therapien zu erklären. Nach Abschluss der Ausbildung stellt Tierärzte ohne Grenzen e.V. die benötigten Medikamente und eine medizinische Grundausrüstung zur Verfügung. Zudem sorgt die Organisation dafür, die notwendige Kühlkette für die Impfstoffe aufrecht zu erhalten, damit diese nicht verderben.

In den Projektgebieten von Tierärzte ohne Grenzen leben oft verschiedene Volksstämme in unmittelbarer Nähe zueinander. Der Kolonialismus hat Grenzen durch Gebiete gezogen, die zu traditionellen Viehtriebrouten gehören, und so zu Konflikten um Weidegrund und Wasserstellen geführt, die zum Teil bis heute andauern.

Eine weitere Konfliktquelle ist der Viehdiebstahl, der zur Tradition vieler Volksgruppen gehört. Früher kamen dabei selten Menschen zu Schaden; heute haben jedoch viele Männer Waffen, meist Überbleibsel aus Bürgerkriegen, sodass es bei Viehdiebstählen regelmäßig zu schweren Verletzungen oder Todesfällen kommt.

Tierärzte ohne Grenzen versucht, im Rahmen der Projekte zwischen verfeindeten Volksgruppen vermittelnd tätig zu werden. Meist wird der Vorschlag zu einem Friedenstreffen von den Clans positiv aufgenommen, denn Tierärzte ohne Grenzen e.V. gilt als neutrale Instanz und genießt zudem bei den Tierhaltern ein hohes Ansehen. Weil Nutztiere in ihrer Kultur einen extrem hohen Stellenwert haben und Tierärzte ohne Grenzen den Tieren hilft, wird die Organisation von den Menschen sehr wohlwollend betrachtet.

Ist ein Friedenstreffen zwischen zwei Clans zustande gekommen, wird beiden Parteien die Möglichkeit gegeben, ihre Meinung zu äußern. Dann versucht Tierärzte ohne Grenzen zu vermitteln, etwa dadurch, dass gemeinsam ein Plan erarbeitet und unterzeichnet wird, wie in Zukunft Weiden und Wasserstellen gleichberechtigt genutzt werden können.

Die Lungenseuche des Rindes (Contagious Bovine Pleuropneumonia, CBPP, Mycoplasma mycoides spp.) ist eine der wichtigsten Rinderseuchen in Afrika. Im Auftreten eher chronisch, verursacht die Krankheit erhebliche ökonomische Schäden. Der derzeit verwendete Impfstoff wurde 1949 entwickelt und wird momentan in Botswana und Kenia hergestellt. Er zeigt allerdings nur begrenzte Immunitätsbildung und hat erhebliche Nebenwirkungen. Daher führt Tierärzte ohne Grenzen in Kooperation mit kenianischen Partnern und dem Moredun Research Institute seit 2006 ein Projekt mit einer Laufzeit von fünf Jahren durch, um einen modifizierten Impfstoff in der Massai Mara zu testen. Ziele des Projekts sind eine umfassende Dokumentation der Krankheitsverbreitung und der verursachten ökonomischen Schäden sowie die Entwicklung und Erprobung eines neuen bzw. modifizierten, sichereren und effizienteren Impfstoffs. Außerdem sollen weitere Kontrollstrategien gegen CBPP entwickelt und angewendet werden.

In Ostafrika kommt es regelmäßig zu lang anhaltenden Dürren, zum Teil folgen darauf schwere Überschwemmungen. Für die Menschen, die in den betroffenen Regionen leben, können Dürren zum Verlust ihrer Lebensgrundlage führen. Die ohnehin schon knappen Wasserstellen und Weideplätze werden weiter dezimiert, um die verbleibenden entstehen regelmäßig Nutzungskonflikte mit anderen Stämmen. Im schlimmsten Fall sterben die Tiere während einer Dürre oder Überschwemmung, die Menschen verlieren damit ihre Ernährungs- und Einkommensgrundlage und müssen Hunger leiden.

Dürren können zwar nicht verhindert werden, es gibt aber verschiedene Maßnahmen, besser mit den Auswirkungen von Dürre umzugehen. Dazu gehören ein Frühwarnsystem, der Bau von Wasserstellen, die Erarbeitung von Notfallplänen für den Fall von Überschwemmungen. Auch Nutzungspläne für Weiden und Wasserstellen, die von mehreren Stämmen genutzt werden, helfen den Menschen, die vorhandenen Ressourcen effektiver zu nutzen. Die Planung und Umsetzung dieser Maßnahmen führt Tierärzte ohne Grenzen e.V. in enger Zusammenarbeit mit den betroffenen Menschen durch.

Dieser Punkt unserer Arbeit ist insbesondere im Sudan sehr wichtig. Durch den jahrelangen Bürgerkrieg ist die Infrastruktur des Landes nahezu vollständig zerstört worden. Viele Menschen kehren nach Kriegseinsätzen oder Flucht an ihren Heimatort zurück, haben dort aber weder eine Unterkunft, noch Land, Vieh oder ein eigenes Einkommen. Verwandte nehmen häufig Rückkehrer auf, sind mit deren Versorgung aber überfordert. Tierärzte ohne Grenzen e.V. versucht, den Rückkehrern die Möglichkeit zu geben, sich eine neue Existenz aufzubauen, etwa durch die Verteilung von Ziegen.

© 2004-2010 Tierärzte ohne Grenzen e.V.              zuletzt aktualisiert am 09.03.2010